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Ungebrochen im Glauben - Bekennerbischof Joannes Baptista Sproll

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75 Jahre danach - der Bekennerbischof von Rottenburg

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einer Predigt
des Bekennerbischofs

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Joannes Baptista Sproll wurde am 2. Oktober 1870 in kleinen Verhältnissen in Schweinhausen bei Biberach an der Riß geboren. Nach dem Theologiestudium in Tübingen erhielt er am 16. Juli 1895 die Priesterweihe. Mit einer rechts- und verfassungsgeschichtlichen Dissertation wurde er 1898 zum Dr. phil. promoviert. Es folgten 1912 die Erhebung zum Domkapitular, 1913 die Ernennung zum Generalvikar und 1915 zum Weihbischof.

Von 1912 bis 1918 war Sproll Abgeordneter in der Ersten Kammer des Württembergischen Landtags, der Ständekammer; ab 1913 war er auch gewählter Abgeordneter der Zweiten Kammer. Er arbeitete im Justiz- und Finanzausschuss mit, gehörte zum Fraktionsvorstand der Zentrumspartei und bestimmte die Landespolitik maßgeblich mit.

In den Jahren 1919 und 1920 war er Abgeordneter der Zentrumspartei u. a. in der Verfassungsgebenden Landesversammlung von Württemberg. Zu dem 1924 endgültig verabschiedeten „Gesetz über die Kirchen“ leistete er maßgebliche Vorarbeiten.

Bei der Wahl zum Bischof von Rottenburg am 12. April 1927 konnte sich Joannes Baptista Sproll gegen zwei von Rom ebenfalls vorgeschlagene Kandidaten durchsetzen, nachdem es zuvor zwischen dem Rottenburger Ordinariat und dem Vatikan zu kirchenrechtlichen Differenzen wegen der Bischofswahl und -ernennung gekommen war. Die Inthronisation war am 14. Juni 1927. „Fortiter in fide – tapfer im Glauben“ lautete sein Wahlspruch schon als Weihbischof.
Autor: Dr. Thomas Broch

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Der reine Christusglaube

Der katholische Priester und Publizist Karl Färber (1888-1979) hat einmal über die „verwegenen Christozentriker“ geschrieben. Was er zu anderen Persönlichkeiten ausführte, dürfte mutatis mutandis auch auf Joannes Baptista Sproll zutreffen: Er war ein „verwegener Christozentriker“. Sein Christusglaube stand nicht „neben“ seinen politischen Positionen und Entscheidungen, sozusagen seinem priesterlichen Amt zuzuordnen, sondern er war ihr verbindlicher Maßstab, ihr leitender Kompass. Er nahm als Priester politische Verantwortung wahr. Und er musste für diese „Verwegenheit“ schwer wiegende Konsequenzen erleiden.

Für ihn hat der reine Christusglaube eine Grenzen sprengende Kraft. Sproll denkt universal und weltkirchlich. Ebenso wie er während des Ersten Weltkriegs aus diesem Glauben heraus den kriegstreiberischen Nationalismus verurteilt hatte, so verbietet sich für ihn von dort her auch jede Vorstellung einer nationalen Eigenkirche, wie sie die Nationalsozialisten wollten und womit wohl auch manche aus den Reihen der Bischöfe sympathisierten.
Autor: Dr. Thomas Broch
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Auszug aus Sprolls Predigt am 20.10.1935 in Steinhausen.

Vollbild
Während die Wissenschaft am Sterbelager des Determinismus stand und die Menschheit im Materialismus zu ersticken drohte, hat sich ein neuer Gegner des christlichen Gottesglaubens erhoben. Es ist schwer, diesen Gegner unter eine einheitliche Bezeichnung zu bringen, weil er selber in seinen Ausformungen nicht einig ist. Man redet von deutschem Glauben, deutscher Religion, deutschem Gott, deutscher Kirche. Alle in diesen Worten enthaltenen Bestrebungen gehen von einem gemeinsamen Gedanken und Ziele aus: Sie wollen eine arteigene, deutsche, völkische Religion. Sie reden viel von Gott, aber noch lieber nur von Gottheit und Göttlichem. Denn in dem Worte Gott liegt der Begriff des Persönlichen. Ein persönliches Wesen aber soll der deutsche Gott nicht sein. Einer meint [am Rand notiert: Stephan George]: „Gott ist nicht Geist und nicht Person, ist nicht über und nicht außer dem Menschen. Gott wird überhaupt erst Gott, wenn er im Menschen Gestalt annimmt. Gott braucht einen Leib, um Gott zu werden. Im adeligen Menschen, im schönen Leibe, im schönen Jüngling kommt Gott zu seiner Gestalt.“ Man zieht also das Göttliche ins Menschliche herab, oder man hebt das Menschliche zum Göttlichen empor. Dann ist der Menschengott fertig. Man macht sich selbst zu Gott. Wundern wir uns, daß ein solcher halbwegs anständiger Kerl wie ein Halbgott einherschreitet, im Vollbewusstsein seiner Würde! Eine Schwäche hat dieser vergöttlichte Mensch: das Göttliche /wächst zwar ihm, / lebt in ihm /, aber stirbt auch mit ihm. Und wenn es gut geht, geht er in die Ruhmeshalle, in die Walhalla ein, d. h. in das Nichts. Aber wenigstens im Ruhme seiner Volksgenossen lebt der gestorbene Mensch oder der gestorbene Gott, beides in einer Person, noch fort. Das will Religion, will Gottesglaube sein! Aufgelegte Gottlosigkeit, wenn man auch mit dem Worte „Gott“ noch spielt!“

Andere wollen einen neuen Glauben gründen auf Blut und Rasse und Boden, auf Volk und Vaterland. Der Gott, den Christus verkündet habe, sei der Gott der Juden und sei der Weltgott. Wir Deutsche aber brauchen einen Gott, der unserer deutschen Art entwachse, mit unserem Blute harmoniere, zu deutscher Rasse passe, einen Gott, aus deutschem Empfinden heraus erschaffen. Wir Deutsche brauchten auch keinen Erlöser, weil wir uns selbst erlösen, wollen besonders nicht mit jüdischem Blute erlöst sein. Christus und Christentum seien unserem deutschen Denken und Fühlen fremd, das Christentum müsse aus deutschen Landen verschwinden, das politisch geeinte Deutschland müsse die christlichen Konfessionen überwinden, und dieser Glaube müsse aus Blut und Rasse heraus bestimmt und geformt werden. Deutscher Glaube und deutsche Kirche“!

Geliebte! Blut und Rasse, Boden, Volk und Vaterland sind wertvolle Güter, Naturgegebenheiten oder christlich gesprochen Gottgegebenheiten wie Luft und Wasser, Sonne und Mond, Schöpfungen Gottes im natürlichen Bereiche. Man mag diese Dinge noch so sehr betonen und überbetonen, aber Religion  im wahren Sinne wird nicht daraus. An die Stelle des persönlichen Gottes, der all diese Dinge geschaffen hat, tritt höchstens ein Götze, den man sich selbst macht. Diese Religion ist auch kein eigentlicher Glaube. Da gibt es überhaupt nichts zu glauben. All das liegt vor uns als natürliche Erkenntnis. Diese neue deutsche Religion, von Menschen konstruiert, führt nicht zum wahren Gott; sie soll es auch nicht; sie will im Natürlichen und Völkischen stecken bleiben und in einer deutschen Nationalkirche – ohne Christus und Christentum – Abschluß und Krönung finden. Religion und Glaube will man das nennen, weil hinter allem doch noch eine letzte Wirklichkeit stehen müsse; sonst wäre all das wohl nicht. Will man solchen Glauben recht nennen, so wäre es Glaube aus Blut und Rasse, nicht Glaube aus Offenbarung, wäre Religion von unten her, nicht von oben, Religion von deutschen Menschen eigens geschaffen, nicht von Gott selbst gegeben, wäre Religion ohne einen persönlichen Gott, ohne eine unsterbliche Seele, ohne eine Ewigkeit. – Ich meine, wir brauchen einen solchen Glauben nicht, weil er keinen Lebenswert hat. Er ist Menschenwerk, Machwerk, ohne Kraft und ohne Saft, ein dürftiger Ersatz für den Gottglauben Christi. Unser Gott ist Gott der ganzen Welt; unser Glaube ist Glaube an diesen Weltgott, ist eine Gabe des Himmels [?].

Wir schaffen uns nicht noch einen neuen deutschen Glauben, sondern wir leben aus dem Glauben Christi, des Welterlösers. Aus diesem Glauben erhoffen wir das ewige Leben. So betet der Heiland selber: „Das ist das ewige Leben, daß sie Dich erkennen, den allein wahren Gott, und den Du gesandt hast, Jesus Christus“ (Joh.17.3). Neben dem wahren Gott wollen wir keine falschen Götter und Götzen haben.- In diesem Glauben leben wir; in diesem Glauben sterben wir. Und Du schmerzhafte Gottesmutter, hilf uns im Leben, hilf uns im Sterben!
Amen.
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Die Eskalation und ihre Folgen

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Sprolls Wahlverweigerung hatte Konsequenzen

Bischof Sproll hatte mit dieser Entscheidung als erster deutscher Bischof das Konzedierungsverhalten seiner Amtskollegen durchbrochen und Nein zum nationalsozialistischen Staat gesagt. Das war ein offener Affront, der ihm wirklich die Tapferkeit seines Wahlspruchs „Fortiter in fide“ in aller Härte abverlangte. Und er sollte bitter dafür büßen müssen.
Bereits am Abend des 11. April 1938 kam es in Abwesenheit des Bischofs zu Ausschreitungen durch Horden der SA, der HJ und des BdM vor dem Bischofspalais, zu Beschädigungen des Gebäudes und zu üblen Beschimpfungen des Bischofs und Drohungen gegen ihn.

„Bischof Sproll Volksverräter“, mit weißer Farbe auf den Bürgersteig gemalt, gehört noch zu den schwächeren Ausfälligkeiten. Ermittlungen von staatlicher Seite auf die Anzeige des Generalvikars wegen Landfriedensbruchs hin gab es nicht, auch später bei weiteren wüsten Ausschreitungen etwa am 21. und am 23. April nicht, bei denen auch Mitarbeiter des Ordinariats misshandelt wurden. Bischof Sproll versuchte die Situation durch Abwesenheit zu deeskalieren und hielt sich weitgehend an anderen Orten der Diözese auf, wo er seinen Amtsgeschäften nachzukommen versuchte, so gut es eben ging.
Mehrere Versuche, nach Rottenburg zurückzukehren, wurden auf Anraten aus dem Ordinariat und aufgrund unverhohlener Drohungen durch die Machthaber in Stuttgart wieder abgebrochen.

Am 15. Juli 1938 schließlich kehrte Bischof Sproll wieder in seine Residenz zurück, und am 16. Juli ereigneten sich die bislang schwersten Ausschreitungen und Verwüstungen vor und im Bischöflichen Palais, gefolgt von weiteren am 18. und am 23. Juli – mit immer mehr Leuten, die von überall aus Württemberg herantransportiert worden waren. Von der Rottenburger Bevölkerung selbst wurden diese von den staatlichen Stellen nicht nur nicht verfolgten, sondern aktiv geschürten Exzesse mehrheitlich nicht unterstützt oder gutgeheißen. Ganz offensichtlich sollte der Druck auf den Bischof systematisch erhöht werden, Rottenburg und seine Diözese zu verlassen.
Autor: Dr. Thomas Broch

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Mit einer Medienkampagne und Demonstrationen vor dem Bischöflichen Palais setzten die Nationalsozialisten den Bischof unter Druck. Mehrmals wurde 1938 das Bischöfliche Palais und Sprolls Wohnung von den Nazis gestürmt. Dabei kam es zu schweren Verwüstungen und Schäden.
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Sein Leben im Exil

Am 24. August 1938, Bischof Sproll war zwischenzeitlich mehrfach abwesend gewesen und wieder zurückgekehrt, wurde er von der Gestapo zwangsweise mit einem Wagen abgeholt und zunächst nach Freiburg zu Erzbischof Conrad Gröber (1872-1948) gebracht, von wo er nach dort inszenierten Unruhen am 28. August wieder aufbrach und über verschiedene Stationen auf abenteuerlichen Wegen und in einem beklagenswerten gesundheitlichen Zustand nach Krumbad kam. Wo er bis zum Kriegsende ausharren sollte.
Autor: Dr. Thomas Broch
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Rückkehr und Neubeginn

Vor 75 Jahren, am 14. Juni, dem Fronleichnamsfest des Jahres 1945 und dem 18. Jahrestag seiner Inthronisation als Bischof von Rottenburg, wurde Dr. Joannes Baptista Sproll in einem feierlichen Zug von vielen tausend Menschen zum Rottenburger Dom geleitet. Nach sieben Jahren der von den Nationalsozialisten gewaltsam erzwungenen Abwesenheit aus seiner Diözese, die Sproll hauptsächlich im Sanatorium Krumbad nahe der bayerisch-schwäbischen Stadt Krumbach verbracht hatte – gleichsam vogelfrei, ausgeschlossen, verfemt und von der eigenen Kirche gedemütigt –, war seine Rückkehr aus dem Exil sozusagen eine Neuinthronisation an seinem Bischofssitz.

Die Rückkehr des Bischofs wird häufig gleichsam als das Ende einer dramatischen Geschichte wahrgenommen. Das war sie zweifellos auch. Aber sie war auch noch einmal ein Anfang. Angesichts der gravierenden wirtschaftlichen und seelischen Not der Bevölkerung, angesichts der ungezählten Heimatvertriebenen und Flüchtlinge, angesichts der zerstörten Städte und der daraus folgenden Wohnungsnot nahm er mit Weitblick und Realismus seine Amtsgeschäfte und die Neuordnung der Pastoral wieder auf.
Autor: Dr. Thomas Broch
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Bischof Sproll zurück in seiner Diözese

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"Ein großer Hirte seiner Diözese"

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Das Gedenken wach halten

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In den noch verbleibenden knapp vier Jahren bis zu seinem Tod leistete Bischof Sproll Bewundernswertes, obwohl er schwer krank und gelähmt aus dem Exil zurückgekehrt war. Aber sein Geist, sein Glaube, seine Intelligenz, seine Tatkraft waren ungebrochen. Er hatte sich nie brechen lassen.

Bischof Joannes Baptista Sproll starb am 4. März 1949 in Rottenburg am Neckar.

Am 9. Mai 2011 eröffnete Bischof Dr. Gebhard Fürst das Seligsprechungsverfahren für seinen Vorgänger Dr. Joannes Baptista Sproll – ein Akt gegen das Verschweigen und Vergessen dieses großen Hirten.
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